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theater-51grad.com „andropolaroid“ (Köln)
Die große Leidenschaft der Japaner an der Roboterindustrie rührt wohl daher, dass die Japaner selbst ein zusammengeflicktes Wesen sind. Die Entwicklung begann im 20. Jahrhundert, besonders geprägt durch die US-Besatzung nach dem 2. Weltkrieg. Damals stand Japan vor der Entscheidung entweder wie „ein neues westlich-demokratisches Land“ zu funktionieren oder zu verschwinden. So hat sich damals das „gerade erst 12-jährige Japan*“ wild entschlossen aufgerafft zu funktionieren, um international überleben zu können. Japan hat die großen westlichen Politik- und Wirtschaftssysteme übernommen und die Gesellschaftsmodelle und Kulturen adaptiert, sie neu zusammengefügt und mit irgendwelchen alten Traditionen verspachtelt.
So entstand schließlich ein demokratisch-kapitalistisches Land mit einem kybernetischen Asienorganismus, in dem die Menschen nach dem Robotergesetz* funktionieren: „ nicht kämpfen! den Befehlen gehorchen! die eigene Existenz schützen – und bei Konflikten sich selbst zerstören! “
Jetzt schämen sich die Japaner über ihre entstellten Wesen und hegen Groll gegen ihre Eltern (die USA & Westeuropa aber auch gegen sich selbst, dem Japan, das diese Transformation befördert hat), und trotzdem können sie nicht umhin, ihre Schöpfer zu lieben. Vielleicht geben sie sich deshalb der Roboterindustrie und der Mangakultur so eifrig hin, um darin diesen Zwiespalt zu lösen und auf diese Weise eine eigene ideale Gestalt zu kreieren und einen Partner zu finden.
Die Japanerin, Yui Kawaguchi sagt dazu: „Erst seit ich hier in Deutschland wohne, empfinde ich mich als ein Spiegelbild von Japan. Als ich merkte, dass die Welt für Deutsche ganz anders geknotet ist als für mich, war das für mich ein Schock. Jede Sprache benutzt eine andere Logik und bildet durch seine Wörterknoten eine andere Welt mit anderen Empfindungen ab. Für mich, die Chinesische Schriftzeichen verwendet, ist die Dunkelheit das Tor zum Ton, der Ton der Sonne ist dunkel, der Klang ist die Heimat des Tones, der Ton steht auf der Sonne, und dunkel ist ein Zustand aus dem Sonne und Akustik gestimmt wird. Für mich ist das bloß eine Sprachstunde, aber denjenigen, die davon nichts wissen, kommt es wie Asienesoterik vor. Sehr interessant. Aber wenn man in der Gesellschaft existieren will, muss man die Realität mit Vielen teilen. In der Funktionsgesellschaft sollen die Menschen „problemlos erledigbar“ sein. Am Flughafen, auf der Ausländerbehörde, bei der Steuererklärung, beim Führerscheintest, usw. Überall geht es nicht darum „wie interessant“, sondern „wie 100%ig problemlos“ man ist. Mysteriös heißt verdächtig. Bitte zur Kontrolle. Um das zu vermeiden, knote ich meine Empfindungsinseln mit deutscher Theorie, beweise meine Ungefährlichkeit, meine Nutzbarkeit und Selbstgeschlossenheit. Und so wurde auch ich zu einem deutsch-kybernetischen Japanorganismus.“
Ein Organismus für den angenehmen Betrieb, der Hindernisse bei Seite schiebt, der bei Störungen schnell Ersatz für sich findet, und sich ansonsten selbst unter Quarantäne stellt oder löscht. Das Prinzip, sich und seinem Umfeld fortwährend etwas vor zu machen, ermöglicht es, dass das System weiterfunktionieren kann. Aber wo treiben die Dinge, die von der Oberfläche verschwunden sind? Bleiben sie immer so brav?
Bevor ich mich zerstöre, würde ich gerne ein Polaroid von meinem zusammengeflickten Ich und meinen Weltknoten schießen.
* Douglas MacArthur nannte die Japanische Demokratie die eines „12-jährigen Kindes" (die Deutsche eines 45-Jährigen)
*von Isaac Asimov
1.Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen (wissentlich) Schaden zugefügt wird.
2.Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
3.Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.
Konzept / Choreografie / Tanz: Yui Kawaguchi | Dramaturgie: Rosi Ulrich | Visuals: Acci Baba | Licht & Technik: Fabian Bleisch | Assistenz: Sabine Salzmann | www.theater-51grad.com